Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge in einer Krise

Wie gehe ich als Mensch am besten mit der Krise um und wie kann ich die Krise als Geschenk erkennen? Ein spannendes Interview mit Psychologin Eva Kaul.

Wir haben in unserem Podcast „Im Zentrum steht immer der Mensch“ mit Wirtschaftspsychologin Eva Kaul gesprochen. Eva ist freie Beraterin und Begleiterin für Menschen und Unternehmen, sowie Dozentin an der Hochschule für Ökonomie und Management der FOM in München. In unserem Podcast Folge 26 spricht Sie über werteorientiertes Unternehmertum, Selbstverantwortung und Selbstfürsorge in Krisenzeiten sowie der Besinnung auf die eigentlichen Werte. Wir fanden das Gespräch mit Eva so spannend, dass wir für unseren Blog auch gleich ein weiterführendes Interview mit ihr gemacht haben.

 

Hallo liebe Eva – schön, dass du Dir für unseren Podcast und jetzt auch für das Interview auf unserem Blog Zeit genommen hast. Wie näherst Du Dich als Psychologin generell an Themen wie mentaler Stärke und psychischer Gesundheit an?

Als Wirtschaftspsychologin mit dem Fokus auf Führungspsychologie, Persönlichkeitsentwicklung und Organisationsentwicklung nähere ich mich den Themen mentaler Stärke und psychischer Gesundheit nicht aus der Brille der klinischen Psychologie. Das heißt, also nicht mit dem Fokus auf psychische Störungen und Krankheiten, obwohl der klinische Teil innerhalb der gesamten Psychologie betrachtet einen relativ kleinen Teil ausmacht, sondern nähere mich allen Fragestellungen und Herausforderungen aus der Haltung der positiven Psychologie. Diese fragt vordergründlich nicht „Was macht den Menscheneigentlich krank?“, sondern betrachtet die Frage „Was hält den Menschengesund?“ während sie das Leid und die Trauer anerkennt und sein lässt.  

Die Ursprünge von destruktivem Verhalten, psychischem Leiden und psychischen Zuständen, die für bspw. Arbeitsunfähigkeit verantwortlich sein können (bspw. Burnout Syndrom), werden zwar in meinem holistischen Ansatz mit berücksichtigt, jedoch klar abgegrenzt. In meiner Tätigkeit wende ich mich dem Hier und Jetzt zu und lenke das Augenmerk auf die Möglichkeiten zurVeränderung der eigenen Einstellung und Verhaltensweisen, die jeder Mensch selbst beeinflussen kann. Zudem begleite ich Personen bei ihrem Prozess hin zu einem selbstverantwortlichen Leben mit einer langfristig positiven Haltung gegenüber Herausforderungen.

Wenn man in einer „Krise“ steckt, dauert es manchmal wahnsinnig lange bis man merkt, dass man handeln kann und aus sich selbst heraus und mit Hilfe herauskommen kann – wenn man dies dann aber erkennt gibt es viele Möglichkeiten neue Wege zu gehen.

Wir Menschen neigen sehr oft dazu, uns im Jammern und Lamentieren wohl zu fühlen – in ungesunder Konstellation kann dies als gewissenForm der Selbsttäuschung für viel Faulheit und Lethargie sorgen – ich lade gerne dazu ein dieses Verhalten zu durchbrechen.

Die Corona Krise hat viele Menschen ziemlich überrannt. Viele verlieren sich im Alltag und der ganzen Organisation dahinter (Arbeit, Haushalt, Kinder, Finanzen). Was rätst du diesen Menschen, auf was sollten sie jetzt gerade achten?

Ich kann keine globalen Aussagen treffen – Keiner kann das. Aber ich merke, dass es den Menschen, mit denen ich arbeite, sehr gut gelingt mit den Unsicherheiten und dem gefühlten Kontrollverlust wie folgt umzugehen:

Fokus behalten: Die Krise als Chance sehen, um neue Verhaltensweise zu lernen von welchen man auch nach der Krise noch profitieren kann. Es ist hierbei wichtig zu beachten, dass dennoch Raum für bspw. Trauer, Wut, Ärger, Frust, etc. sein darf.

Ganz im Gegenteil - Es ist vollkommen okay und notwendig traurig, gestresst und wütend über den aktuellen, globalen Zustand zu sein. Wir sind keine Maschinen! Es ist vollkommen in Ordnung zu weinen, Emotionen zu leben – ganz geschlechterunabhängig. Sich Schwäche einzugestehen, die eigenen Gedanken und Gefühle und sich selbst dafür anzuerkennen tut gut. Mitgefühl für die eigene Person und das „Menschsein“ zu haben, hilft dabei, gut zu sich selbst zu sein. Der Einzige, der uns nachhaltig bewerten kann, sind wir selbst. Es ist wichtig darauf zu achten freundlich und verständnisvoll mit sich selbst zu sprechen. Sich auch hierbei nicht zu stark nach dem Selbstoptimierungsmotto unter Druck zusetzen, ist ebenso wichtig.

Kleine Ziele können dabei gut helfen. Wer bspw. mit dem Meditieren anfangen möchte, kann sich erst einmal mit 5 Minuten anstelle von 1 Stunde pro Tag versuchen.

Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge beinhaltet sich mit positiven als auch unangenehmen Gefühlen auseinanderzusetzen. Es geht nicht um die Verherrlichung und eine ausschließlich positive Einstellung zu allem und sich selbst. Das wird leider hin und wieder missverstanden.  

(Insgesamt ist es wichtig ist, dass die negativ besetzten Emotionen nicht überhandnehmen. Sollte das der Fall sein und in einen dauerhaften Zustand münden, ist es essentiell sich seinem Umfeld mit zuteilen und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen.)

Neben den Tipps, die ich im Podcast für den Alltag mitgegeben habe, die auch am Ende des Beitrags noch einmal aufgeführt sind, gibt es aus meiner Tätigkeit natürlich noch weitaus mehr Techniken. Ein paar Anregungen gebe ich gerne noch im Folgenden. Setzt euch für tieferes Verständnis und die Begleitung dabei gerne mit mir in Verbindung.

Übungen und Fragen die man sich grundsätzlich stellen kann:

Was kann ich jetzt tun? Was kann ich kontrollieren? Welche Ressourcen kann ich nutzen, um mit der Krise zurecht zu kommen? Welche Fähigkeiten besitze ich bereits, welche möchte ich mir nun aneignen?  

Bewusst machen von Gedanken: Aus der „acceptanceund commitment theory” gibt es bspw. den Aspekt der Kontrollierbarkeit – Ich fokussiere mich bei meiner Arbeit bewusst, auf alles das, was ich ändern kann. Die Ausgangssperre bspw. kann ich nicht ändern, ABER meine Gedanken kann ich kontrollieren – diese bestimmen bekanntlich meine Emotionen. Deshalb ist es wichtig, sich seine Gedanken erst einmal bewusst zu machen und zu beobachten.

Wertfreies Beobachten eigener Gedanken und Gefühle und akzeptieren was hochkommt. Ängste und Sorgen ebenso wie Freude und schöne Vorstellungen. Ängste sind nicht dazu da, sie loszuwerden – wir brauchen sie als Berater für unser Leben. Wir entscheiden, wie wir die Angst bewerten. Für die psycho-physische Gesundheit ist es daher essentiell, negative Bewertungen und Gedanken nicht zu mehren.

 MUT zu Handeln = Einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Sei es für hilfebedürftige Nachbarn einkaufen oder bei der Tafel auszuhelfen. Wir steigern unser Gefühl der Wirksamkeit besonders, wenn wir uns engagieren und anderen helfen, die unsere Hilfe dringend benötigen. Außerdem leisten sehr viele von uns kognitiv belastende Arbeit und das täglich am Computer. Hierzu einen Ausgleich zu schaffen (und wenn es nur 2 Std. pro Woche sind) kann dazu beitragen sich gut und nützlich zu fühlen. Zusammenhalt und Solidarität als einende Werte können auch nach der Krise, besonders in Großstädten wo die Anonymität und Einsamkeit nachweislich stark zunimmt, für Wohlgefühl und Zufriedenheit sorgen. Eine gute Frage, die man sich hier zu stellen kann: Was ist mein Beitrag zur Gesellschaft?

 Die eigenen Werte herausfinden. Welche Werte sind mir wichtig? Welche Werte helfen mir mit der Krise zurecht zukommen? Wofür stehe ich – allgemein im Leben und auch zu Krisenzeiten? Welche Fähigkeiten und Ressourcen habe ich bereits, um gut durch schwere Zeiten zukommen? Am besten schreibt man sich die Antworten auf und besonders auch die Werte wofür man steht, um sich diese regelmäßig vor Augen zu führen und auch die eigenen Verhaltensweisen an Ihnen in Frage zu stellen. Ich persönlich habe sie immer auf meinem Mobiltelefon aufgeschrieben in einer kleinen Notiz dabei.

Beispiele für Werte:

Dankbarkeit für alles was ich bereits habe, Optimismus, Geduld, Hoffnung, Vertrauen, Hilfe holen und annehmen, etc.

 Positive Gedanken fokussieren, vermehren und äquivalent danach handeln.

 3 Gute Dinge Übung am Abend (In einem kleinen Notizbuch mindestens 3 positive Ereignisse des Tages festhalten zu welchen ich maßgeblich beigetragen habe).

 Dinge ändern, die man ändern kann. Was kann ich tun, um zu mir selber fürsorglich und gut zu sein?

 Bewusste Selektion von Medien. Ich möchte vor dem Dopamin Kick, den sich viele unserer sozialen Mediengestalter zunutze machen, warnen.

Werden wir bei der nächsten Frage ein wenig philosophisch: Vielleicht ist die Krise für jedermann der KAIROS? Also eine neue Chance, beruflich wie privat, der Moment der Erleuchtung, einRichtungswechsel oder „die göttliche Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt“?

Der KAIROS Moment ist mir ein sehr vertrauter Begriff. Besonders im Kontext persönlichem und globalen Wandels, einhergehend mit einer Phase der Bewusstseinsentwicklung – die beim jetzigen Paradigmenwechsel oftmals die Evolution vom „homo oeconomicus zum homo digitalis“ genannt wird – kann sich genau jetzt ein solches göttliches, mystisches Momentum zusammenbrauen.

Dieses ermöglicht es uns als Menschheit und auch auf das Individuum herunter gebrochen, an ganz basalen Stellschrauben zu drehen. Das Spannende daran ist ja eben, dass dieser Moment nicht „machbar“ ist, aber eben„gestaltbar“. Man kann ihn erkennen und proaktiv als Übergang in eine neue Zeitgestalten. Wenn sich Vertrautes in Frage stellt ist die Gradwanderung zum„Untergang“ nämlich recht schmal.

Einfach gesagt wünsche ich mir sogar zutiefst, dass jeder für sich das Geschenk der Krise erkennt. Und das sage ich nicht aus Naivität –ganz im Gegenteil – ich selbst habe bereits tiefe Krisen in meiner eigenen Historie hinnehmen und überwinden lernen dürfen und es jedes Mal für mich selbst geschafft, gestärkt daraus hervorzutreten. Ich spreche aus eigenen Erfahrungen.

Die Bewusstseinsentwicklung von 1945 bis zum heutigen Tage durchlebt verschiedene Stufen, was es dadurch mehr als logisch macht, dass wir mehrere Wahrheiten, Empfindungen und Bewusstseinszustände akzeptieren lernen sollten, um uns nach dem Kairos Moment wieder als „Ganzes“ wahrzunehmen. In der Nachkriegsgeneration gemäß „Leben, um zu arbeiten“ ging es ebenso um den Wiederaufbau wie in heutigen Zeiten in welchen die Generation Z, mit der Grundhaltung „Leben und Arbeiten als fließender Prozess“ agiert. In Zeiten der Konnektivität und Mobilität organisiert sich der Mensch über Netzwerke – warum könnte diese Krise also nicht als Kairos Moment für die Vernetzung und ein glückliches Momentum des Richtungswechsels dienen? Ich wünsche mir seelische Wärme, Halt und Trost für uns Menschen in der reinen Annahme unseres Seins. Wir sind genug auch ohne jegliche Leistung. Wir begrenzen uns selbst – allein schonsprachlich. Wenn man das sollen und müssen, allein an einem einzigen Tag in der Arbeitswelt zählen würde käme man kaum hinterher. Ich hoffe sehr, dass jeder Einzelne das Potential des neuen Aufblühens erkennt und vertrauensvoll seinen Weg geht. Die Sicht auf die Würde des Menschen hat sich ebenso nicht von heute auf morgen kreiert und Allgemeingültigkeit gefunden. Auch wenn der Wunsch nach Vereinfachung noch so groß ist – er ist eine Farce. Ich sehe die Menschheit als unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Morgenstern, Carl Gustav Jung,Schiller, u.v.m. haben hierzu wunderbare Texte verfasst – die ich jedem nur ans Herz legen kann. Und ja, der Kairos kann für jedermann die Chance für den Richtungswechsel bedeuten. Je weniger Energie aus der Vergangenheit prozessiert wird desto mehr Offenheit für das Potential und die Zukunft können wir schöpfen und kreativ in die Zukunft gehen.

 

Was wäre, wenn wir kollektiv geeignete Strategien entwickeln würden, um diesen großen psychischen Herausforderungen gerecht zu werden? Hat die Krise nicht das Potential zukünftig eine Krise (welche auch immer das sein mag) besser zu überstehen? Man ist jetzt gewappnet und lernt hoffentlich daraus….

 Ja, das hat sie! Obwohl unsere sozialen Kontakte gerade auf ein Minimum reduziert werden, unsere Tagesstruktur weg bricht wodurch sich Ängste entwickeln, denen wir bislang noch nicht gegenüberstanden, glaube ich sind wir gemeinsam in der Lage diese Zeit zu meistern. Akzeptanz, Annahme und Geduld. Wie wäre es mit Ruhe zu beginnen?

In meinen Augen ist es so: Die Wissenschaft bewertet nicht, die Wissenschaft beobachtet – sie bildet Hypothese und Gegenhypothese – wir Menschen selbst entscheiden wo wir die Ergebnisse mithilfe der von selbstgebildeten Regeln einordnen. Wir haben also selbst die Verantwortung, was wir mit den Ergebnissen machen. Die größte Chance der Krise ist für jeden einzelnen aber auch als Gesellschaft, festzustellen, wer man wirklich ist. Inne zu halten und zu beobachten. Das haben wir durch all die Schnelligkeit über die letzten Jahre verloren. Wer das erkennt, kann sein Leben in die Hand nehmen. Zu Beginn lohnt es sich immer zu wissen und zu fühlen wer man wirklich ist und in einer Krise fühlt man wer man wirklich ist!

Wir können uns fragen was wir an der Vergangenheit geschätzt haben und wie wir diese mit all unseren neuen Erkenntnissen innerhalb der Krise kombinieren und für uns nutzen wollen. Letztendlich können wir nur von Tag zu Tag leben. Uns Menschen ist unterm Strich „nur“ der Moment vorbehalten und dieser ist so wertvoll und bereits „sehr viel“. Wir können nur im Moment leben und dankbar für jeden Einzelnen sein.

Hier noch weitere Tips und „Take aways“ von Eva:

- Die Dinge regeln sich beim Gehen! Spaziergehen so oft wie möglich! 

- Für mehr Selbstmitgefühl „Es ist okay traurig zu sein!“

- Humor behalten :-) Auch während Corona darf gelacht werden.

- Mut zu Eigenverantwortung!

- Mut eurer Intuition zu vertrauen!

- Tagesstruktur!

- Fragt euch „Was ist mir wichtig? Was sind meine 3-5 Basiswerte, die ich zum Leben zu Hause und in meinem Beruf benötige?“

- Fragt euch bei jeder Handlung „Ist das wirklich wichtig? Brauche ich das wirklich? Welchem Zweck dient diese Handlung?"

 

Büchertipps: 

-„Mindsight“, Daniel J. Siegel

-„Mein Leben ist meine Lehre“, Thich Nhat Hanh

-„Biologie der Angst“, Gerald Hüther

-„Reinventing Organizations“, Frederic Laloux

-„Psychologie der Werte“, Dieter Frey

-„Positive Psychologie: Ein Handbuch für die Praxis“, Daniela Blickhan

  

Filmtipp:

„Die stille Revolution“ - https://www.die-stille-revolution.de/

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